'Schellfischtunnel Altona: Kein Zug wird kommen' – NDR.de vom 07.10.2011

URL: http://www.ndr.de/regional/hamburg/schellfischtunnel117.html

Stand: 07.10.2011 08:45 Uhr

Schellfischtunnel Altona: Kein Zug wird kommen

von Daniel Sprenger, NDR.de

Mit Taschenlampen bahnen sich die Besucher den Weg im Schellfischtunnel. Unebene Bahnschwellen erfordern volle Aufmerksamkeit. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger

Gemessenen Schrittes bewegen sich die mit Taschenlampen bewaffneten Menschen durch die Dunkelheit. Lichtkegel huschen hin und her, flackern vom Boden auf die Wände. Auf den Boden muss geleuchtet werden, um auf dem unebenen Weg über Bahnschwellen und groben Schotter nicht plötzlich zu stolpern. Auf die Wände richten die Besucher ihre Lichter, um zu erkennen, in welchem Bauabschnitt sie gerade umhertappen.

Der Gang durch den ansonsten vollkommen unbeleuchteten Hamburger Schellfischtunnel ist ein Abenteuer, zu dem nur selten Gelegenheit besteht. Seit 19 Jahren ist der Tunnel der ehemaligen Altonaer Hafenbahn nämlich - trotz einiger Ideen zur Wiederbelebung - verlassen. Nur zu besonderen Anlässen öffnet sich die hohe Eisenpforte unter dem Intercity-Hotel am Altonaer Bahnhof. Zuletzt war das im September zum Tag des offenen Denkmals der Fall. Und ein Denkmal ist der 1876 fertiggestellte Tunnel ohne Zweifel, sowohl aus bautechnischer als auch aus wirtschaftsgeschichtlicher Sicht.

Wie kommt der Fisch am schnellsten vom Hafen zum Bahnhof?

Zunächst war der Tunnel nur knapp 400 Meter lang. Der Grund: Der Altonaer Bahnhof lag damals weiter südlich als heute, er war im Gebäude des heutigen Altonaer Rathauses untergebracht. Die Idee hinter der unterirdischen Bahnverbindung war, frische Waren aus dem Hafen so schnell wie möglich für den Weitertransport zum Altonaer Bahnhof zu bringen. Über eine Schienenrampe, die "geneigte Ebene", zogen zuvor Seilwinden die beladenen Wagen das steile Ufer hoch, ehe Pferde die Karren weiter Richtung Bahnhof brachten. Dieses Verfahren hatte sich nach der Hafenerweiterung und durch erhöhtes Warenaufkommen als zu ineffizient erwiesen. Ein Tunnel, der im Volksmund später wegen des hauptsächlich beförderten Produkts den Namen Schellfischtunnel erhielt, war die Alternative.

Gleise seit den 90er-Jahren unterbrochen

Der Schellfischtunnel ist der nördlichste Eisenbahntunnel Deutschlands. Seit 1876 hat er einige Umbauten erlebt, stellenweise wurde die Backsteinverkleidung durch Beton ersetzt. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger

Nachdem der Bahnhof Altona 1895 an seinen heutigen Standort umgezogen war, wurde der Tunnel verlängert - auf 961 Meter. "So lang ist er auch heute noch", sagt Brigitte Topp von den Hamburger Unterwelten, die die Besichtigung organisieren. Es sei zudem der nördlichste Eisenbahntunnel Deutschlands. Eine Tour beginnt in dem "neuen" Teil, der im Zuge der Bauarbeiten für das InterCity-Hotel in den 90er-Jahren mit einer neuen Betonauskleidung versehen wurde. Allerdings hat man die beim Bau unterbrochenen Schienen nicht wieder hergestellt. Sie beginnen seither unvermittelt direkt nach dem Zugangstor.

Von dort geht es knapp einen Kilometer zunächst sanft bergab. Zwischendurch sind Hinterlassenschaften - Schuhe, Taschen, Zeitungen - von Obdachlosen zu sehen, die hier Unterschlupf gesucht haben. Ungefähr in der Mitte beginnt ein anhaltendes Grummeln, das zunächst irritiert. Nähert es sich? Oder entfernt es sich? Beides. "Das sind S-Bahnen, die unterhalb der Güterbahnstrecke verkehren", sagt Topp. In den 70er-Jahren wurde der Tunnel geöffnet und unter dem Hafenbahngleis die S-Bahn-Trasse verlegt. Das ist nicht nur hörbar, sondern auch zu sehen: Die Röhre ist hier aus Beton neu gebaut worden und nicht mehr wie ursprünglich aus Backstein.

Das Grün am Ende des Tunnels

Am Südausgang des Schellfischtunnels wurde 2000 eigens ein neuer Bahnsteig angelegt. Alle Versuche, die Gleise für den Nahverkehr zu nutzen, scheiterten jedoch. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger

Die Besuchergruppe gelangt zu einer Holzwand, die angeblich für einen Filmdreh eingezogen und dann einfach stehen gelassen worden sein soll. Durch eine Tür pfeift ein Luftzug, der leicht muffig riecht. Danach geht es deutlich steiler hinunter. In einer langen Rechtskurve winden sich die Gleise Richtung Hafen. Stellenweise tropft es von den Wänden. Brigitte Topp zeigt auf eingeritzte Bahnschwellen: Durch die Steigung und die Kurvenführung seien häufig Bahnen entgleist: "Das hat diese Spuren hinterlassen." Kurz darauf ist es nach einer knapp einstündigen Führung zu sehen: das Licht am Ende des Tunnels oder vielmehr das Grün am Ende des Tunnels.

Denn der Ausgang ist nahezu komplett zugewachsen. Ein Baum hat es sogar hinter das Gittertor geschafft und sich einen abgesicherten Platz kurz vorm Tunnelausgang erkämpft. Nachdem das Transportvolumen der Hafenbahn immer mehr zurückgegangen war, endete 1992 endgültig die unrentabel gewordene Nutzung. Seitdem konnte die Natur hier ungehindert wuchern. Die Backsteinfassade mit dem eingemauerten Reichsbahn-Zeichen sieht noch makellos aus. Von ihrer Existenz ahnt kaum ein Radler oder Fußgänger, der nebenan die Straße nach Neumühlen hinuntergeht. Alles ist stark eingewachsen.

Absurd: Neuer Bahnsteig an stillgelegter Strecke

Versuche, den Tunnel für den Nahverkehr wiederzubeleben, scheiterten bislang allesamt. Zunächst wurde an Spurbusse gedacht, die den schnellen Weg von Altona zum Hafen nutzen sollten. Dann kam die Idee wasserstoffbetriebener Busse auf. Der Investor des 2000 am Südende des Tunnels errichteten "elbberg campus" war begeistert von der Idee - und ließ hinter seinem Gebäude eigens einen Bahnsteig neu errichten. Der wurde freilich nie genutzt. Er steht verlassen dort als Kuriosum: ein nagelneuer Bahnsteig für eine jahrelang stillgelegte Bahnstrecke.

2.4.13 17:47

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