Giesen – Kalibergwerk Siegfried-Giesen – Spritztour durch den Bauch der Erde – Hildesh. Allg. Zeitg.

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ohne Datum

Spritztour durch den Bauch der Erde

Freie Fahrt von Sarstedt nach Rössing und kaum ein Mensch auf den Beinen:     750 Meter tief unter der Erde gibt es ein komplettes Straßensystem mit Kurven und Kreuzungen. Und eine Handvoll Menschen, die täglich mit dem Fahrkorb dort runter zur Arbeit fahren. Die HAZ hat sich auf eine Spritztour begeben: Mit dem Jeep unterwegs in den Tunnelwelten des Kalibergwerks Siegfried - Giesen.

Report: Unter Tage

Wenn Männer wie Thomas Müller zur Arbeit fahren, müssen sie ganz tief runter. Zum Beispiel 750 Meter. Irgendwo unter dem Ackerland zwischen Ahrbergen und Rössing betritt der Elektriker dann eine gigantische, in den Bauch der Erde gesprengte Halle, um dort gemeinsam mit vier Kollegen eine verschlossene Welt instandzuhalten, die nur darauf wartet wiedererweckt zu werden. Dann, wenn der Ruf nach Kalisalz oben auf der Erde lauter wird.

Gewiss, es gibt weit imposantere Bergwerke als ausgerechnet Siegfried – Giesen. Erzgruben auf allen Kontinenten der Erde, das unterhöhlte Steinkohlerevier im Ruhrgebiet. Oder die von der Natur geschaffenen gigantischen Tropfsteinhöhlen mit ihren über Jahrmillionen gewachsenen Skulpturenlandschaften. Dagegen ist die seit 1987 ruhende Unter-Tage-Welt von Siegfried – Giesen wie eine graue Maus in der Welt von illuster gekleideten Schönheiten.

Doch das Aschenputtel unter der Hildesheimer Börde hat seinen ganz eigenen Reiz. Es ist nicht nur, in eine vom Sonnenlicht auf ewig abgeschiedene Welt einzutauchen, hunderte von Metern in der Tiefe. Es ist auch die Erinnerung daran, dass hier seit Beginn des 20. Jahrhunderts Tausende von Bergleuten aus dem Landkreis Hildesheim geschuftet haben. Mit allen Risiken, die der Beruf unter Tage mit sich bringt.

Und es ist die Vorstellung, dass man plötzlich ganz tief unter der Erde auf einem kompletten Straßensystem herumkurven kann, das von Ahrbergen nach Sarstedt oder auch in Richtung Giesen führt. Nach Lehrte gibt es noch einen sogenannten Vortrieb. Der endet aber nach wenigen Kilometern in einer Sackgasse. Je nachdem, auf welchem Stockwerk dort unten, das in der Bergmannsstraße Sohle heißt: auf Sohle 400 Meter, 550 Meter, 750 Meter oder aber ganz unten in 1050 Meter Tiefe.

Doch wenn man dort hinunter will, muss man erst einmal hoch hinaus. Zum Nachbar Schacht III in Bad Salzdetfurth. Dort gibt es ein eigenes unterirdisches Streckensystem, in dem schwere Fahrzeuge unterwegs waren, Kali- undSteinsalz nach oben zu holen. Das Bergwerk dort ist seit knapp zwei Jahren endgültig stillgelegt. Nichts mehr zu holen. Es gab noch den Versuch, eine Sohle als Genesungsstation für Gäste der Kurstadt einzurichten. Das scheiterte an den Kosten.

Ziel ist nun Siegfried – Giesen. Um dort aber in die Teufe (bergmännisch für Tiefe) herunterzufahren, muss man sich erst auf Schacht III als Bergmann einkleiden. In Fürstenhall bei Ahrbergen sind jedoch alle anderen Betriebsgebäude längst abgerüstet. Eine Kaue, die Umziehkabine des Bergmanns, gibt es nur noch in Bad Salzdetfurth.

Also rein in die Kluft, komplett mit Unterwäsche, einem leichten, weißen Jäckchen, festem Schuhwerk und dem Helm unter dem Arm ab zur Seilfahrt. Jetzt noch über Tage quer durch den Landkreis. Zur eigentlichen Tour durch den Landkreis. Diesmal aber unter der Erde.

In Fürstenhall gibt es dazu die Grubenlampe und das Sauerstoffnotpack, den Selbstretter. „Falls es brennt“, meint Rainer Selbach trocken. Er ist als K+S-Leiter zuständig für Siegfried - Giesen. Während der Reise in die Tiefe erklärt er geduldig, wie das kiloschwere Wunderding im Blechkasten funktioniert. Eine Stunde reicht der Sauerstoff. Wenn man sich ruhig verhält sogar bis zu vier Stunden. Toll. Etwa so mulmig muss man sich fühlen, wenn man das erste Mal von einer Stewardess in luftiger Höhe erfährt, wie man beim Absturz überleben soll. „Alles klar?“, fragt Selbach die beiden HAZ-Reporter. Logisch, nicken wir.

Langsam geht die Reise im Materialschacht voran, 30 Meter pro Minute. Eigentlich hängt in diesem Schacht nur ein Seil mit Haken und dem Korb an der Haspel, einer maschinengetriebenen, riesigen Seilwinde. Das 750 Meter lange Stahlseil dient hier auch dazu, Material in die Tiefe zu bringen. Zum Beispiel Radlader. Die werden vorher auseinandergebaut und in Einzelteilen mit maximal zwölf Tonnen Gewicht herabgelassen. Auf der entsprechenden Sohle wird alles wieder zusammengeschraubt.

Nun sitzen wir zu fünft in dem schmalen Förderkorb. Langsam fährt der Korb tiefer. Erst durch den Vorschacht mit knapp sieben Metern Durchmesser. Geschützt durch schwere Eisentübbinge, gusseiserne Ringe, die den Schacht wasserdicht halten sollen. Die sind seit 1904 hier in die Erde getrieben worden, von Sohle zu Sohle. „Für die Stahlindustrie war das neben dem Streckenbau für die Bahn eine Goldgrube“, erzählt Ulrich Göbel, K+S-Pressesprecher. Gemeinsam mit seinem Kollegen Rainer Selbach mustert er die Schachtwände. „Wir prüfen, ob die Schrauben noch halten oder ob Risse zu sehen sind.“ Wieder so eine dieser beruhigend wirkenden Informationen.

In 200 Meter Tiefe plötzlich Stille. Die Fahrt scheint langsamer zu werden, nur die kalte Luft von unten pfeift schneller vorbei. Doch das täuscht. Der Schacht ist schmaler geworden. Ein reiner Sogeffekt. Und eine andere Bauweise. Der Stahl ist verschwunden. Ab jetzt gibt es nur noch Ziegelwände. Bis zu 60 Zentimeter dick. Immerhin.

Nach fast 30 Minuten Fahrt endlich aussteigen. 750 Meter tief. Selbach gibt per Sprechfunk durch, dass wir angekommen sind. „Wenn die Verbindung hinüber ist, gibt es immer noch die Signalzeichen mit Glockenanschlag“, sagt er. Gut zu wissen.

Angekommen in einer großen, grauen Halle mit kalt-weißer Beleuchtung, dem Füllort. Zwei Jeeps stehen an der Seitenwand. Korrekt eingeparkt. Auf der Motorhaube faltet Selbach eine Straßenkarte auseinander. Das Risswerk. Es enthüllt, wie weitläufig das Streckennetz unter dem Landkreis im Laufe der Jahrzehnte ausgebaut worden ist. Haupt- und Nebenstrecken, die die vier Schächte Fürstenhall, Glückauf-Sarstedt, Siegfried- Giesen und Rössing-Barnten verbinden. Eine komplette Welt unter der Erde.

Ein ähnliches Streckennetz gibt es unter den Schächten von Bad Salzdetfurth, gab es unter Diekholzen. Deren Sohlen sind allerdings mittlerweile verfüllt. „Einsteigen“, sagt Selbach. Eng zusammengequetscht geht die Reise durch die Flöze-Landschaft los. Elektrisches Licht gibt es von nun an nicht mehr. Nur die Scheinwerfer des Jeeps. Und die kleinen Handlampen in der Jackentasche.

Selbach steuert über die steinerne Piste mit dem niedrigen Halbrund der ausgehauenen Decke, der Firste. Ab und zu tauchen Seitentunnel auf. „Es ist ein reichhaltiges Salzlager“, sagt er. Manche Lagerteile sind „abgeworfen“, erklärt er. Sie werden nicht genutzt und auch nicht mehr mit Frischluft versorgt. „Alter Mann“, nennen das die Bergleute in ihrer Sprache.

Das verschachtelte Netz aus Strecken und Abbau-Flözen ist langsam im Laufe der Abbaugeschichte gewachsen. Immer wieder haben die Teams der Steiger, quasi die Chefs oder Meister unter der Erde, mit Probebohrungen nach Anschlussflözen gesucht, um weiteres Stein- und Kalisalz zu fördern. Erst mit Spitzhacken und Loren, die von Pferden gezogen wurden, später mit Hilfe kleiner Lokomotiven und Loren. Die technische Revolution machte das Arbeiten auf Dauer aber nicht nur leichter. Schließlich musste gefördert werden. Später kamen Radlader und Transporter unter Tage hinzu, ein kompletter Fuhrpark. Eines blieb aber über die Zeit hinweg gleich. Am Ende einer Schicht wurden mit Sprengstoff gefüllte Bohrlöcher „abgetan“, gezündet. Dann verließen die Bergleute die Grube. Ein fester Rhythmus, von dem man auch Über Tage etwas spüren konnte: „Oben klirrten dann schon mal die Gläser in den Wohnzimmerschränken“, sagt Selbach. Nach einer halben Stunde waren die Sprenggase meist verzogen. Die nächste Schicht bereits im Fahrkorb unterwegs nach unten.

35 Stundenkilometer schnell saust der Jeep durch die engen Tunnelschächte. Man hat das Gefühl, mit Tempo 70 unterwegs zu sein und die Schultern einzuziehen, um sich nicht an den steinernen Wänden zu stoßen. Unvermittelt tauchen plötzlich richtige Kreuzungen auf, es gibt Weghinweise, die wie Graffitis die Koordinaten in der grau-steinernen Höhlenwelt markieren. Dann eine scharfe Kurve, die einem wieder die Orientierung nimmt. Insgesamt waren mehrere hundert Kilometer erschlossen, streckenweise wieder verfüllt. Rund 100 Kilometer sind noch befahrbar.

Selbach steuert ein Lager an. Eine Sackgasse, in der noch alte Gerätschaften gelagert sind. Zeugnisse eines einst emsigen Arbeitsalltags. Doch der Betrieb rechnet sich derzeit nicht mehr, obwohl noch reichlich hochwertiges Kalisalz in der Erde steckt. Siegfried - Giesen ist ein sogenanntes Reserve-Bergwerk. Es wird als nationale Bodenschatzkammer in einem Zustand gehalten, in dem der Abbau immer wieder aufgenommen werden kann. Das nährt die Giesener Gerüchte, die in steter Wiederkehr verkünden, dass es wieder losgeht. „Wenn überhaupt, wird das noch Jahre dauern. Kalkulieren kann man das nicht“, sagt Ulrich Göbel. Siegfried - Giesen ist eine gigantische Baustelle im Wartezustand. Mit einem kleinen Routinebetrieb zur Instandhaltung.

Deswegen werden die Tankanlagen unter Tage immer neu gefüllt. Deswegen gibt es mitten in dem kilometerweiten Streckennetz immer noch die zentrale Fahrzeughalle, die Selbach nun ansteuert. Auf Sohle 750 sind fünf Leute im Einsatz. Ein KfZ-Schlosser, zwei Elektriker und zwei Bergleute. Sie halten die Strecken und die Technik in Schuss.

In der Halle stehen Arbeitsfahrzeuge, eine Sitzbank für die Pause. Ein Kühlschrank, Trinkwassertanks. Es herrscht eine Dauertemperatur von 30 Grad Celsius. Thomas Müller arbeitet im T-Shirt. Er ist Elektrikaufseher und verbringt seinen Arbeitstag unter Tage. Ob ihm das etwas ausmacht? Er zuckt nur mit den Achseln. Weit hinten in der Halle geht sein Kollege Volkmar Sander die Fahrzeuge ab. „Unten sind noch drei weitere von uns“, sagt er. Unten, das ist 300 Meter weiter – in 1050 Meter Tiefe.

„Die Arbeitszeiten richten sich nach der Temperatur“, erläutert Göbel. Je heißer, desto geringer die tägliche Arbeitszeit. Jahreszeiten gibt es hier nicht. Nur das „Wetter“. Das ist der ständige Luftstrom, der in Rössing/Barnten einzieht und in den drei anderen Schächten wieder nach oben fließt. Die Bewetterung versorgt das System aus Schächten und Strecken ständig mit Frischluft, den Frischwettern. Weiter geht die Tour. Zu den alten Pferdeställen aus der Anfangszeit. „Die Tiere blieben gut 14 Tage hier unten in ihrem steinernen Stall und bekamen dann eine kurze Verschnaufpause über Tage“, sagt Selbach. Nicht aus Tierliebe. Es rechnete sich halt. Der Blick in den alten Pferdestall erinnert daran, dass hier unten hart gearbeitet wurde. Dass Menschen und Maschinen rund um die Uhr im Einsatz waren. Überall in den Gangsystemen waren kleine Bürohöhlen für die Steiger hineingesprengt. Dort lagerte das Kartenmaterial. Mit Buntstiften wurden die täglichen Fortschritte in der Erkundung weiterer Lagerstätten eingetragen. Einzig bergmännisches Wissen und Erfahrung halfen, die Funde richtig zu deuten und neue Flöze zielsicher zu finden.

Selbach schaut auf die Uhr. Vor dem Schichtwechsel müssen wir oben sein. Doch für die Wendelpassage ist noch Zeit. Wendeln sind spiralförmige einspurige Straßen, die Sohle um Sohle miteinander verbinden. 100 Meter in Linksdrehung aufwärts. Wie in einem Parkhaus ohne Parkdecks.

„Für Gegenverkehr nicht geeignet“, lacht Selbach, der die Strecke unter Tage wie seine Westentasche kennt. Dass wir zwischendurch unter dem Sarstedter Friedhof hindurchgefahren sind, unter dem Giesener Rathaus standen oder unter Rössing Kurven genommen haben, wissen wir nur durch seine kurzen Ansagen. Erkennungsmerkmale wie über der Erde gibt es keine. Nur endlos wirkende Tunnel wie in einem gigantischen Labyrinth, in dem man ohne Fremdenführer hoffnungslos aufgeschmissen ist.

Nach zwei Stunden sehen wir das Tageslicht wieder, atmen kräftig durch. Der Besuch des Aschenputtels unter Tage wird ewig in Erinnerung bleiben. Vor allem, wenn man die gewohnten Strecken durch den Landkreis fährt.

Es bleibt das Gefühl, dass ganz tief da unten immer noch eine eigene Welt existiert. (von Norbert Mierzowsky)

14.9.10 23:54

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